Druckluft-FachbuchAus der Praxis für die Praxis Praxiswissen von Roland Rau, Sachverständiger für Druckluft-Gesamtanlagen Inhaltsverzeichnis
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Druckluft-Fachbuch › Kapitel 6: Kompressorraum & Installation › Anlaufverfahren

Kapitel 6 · Thema 6.12

Stern-Dreieck, Sanftanlauf oder Frequenzumrichter? Die Anlaufverfahren für Kompressoren im Vergleich

Beim Einschalten zieht ein Elektromotor ein Vielfaches seines Nennstroms. Das belastet das Stromnetz, die Absicherung und die Mechanik des Kompressors. Darum gibt es verschiedene Anlaufverfahren. Bei industriellen Druckluftanlagen wird der Stern-Dreieck-Anlauf üblicherweise ab Motorleistungen von etwa 7,5 kW eingesetzt. Bei kleineren Antrieben bis etwa 5,5 kW kommt häufig Direktanlauf zur Anwendung. Die tatsächliche Ausführung hängt jedoch von den Netzanschlussbedingungen, dem erforderlichen Anlaufmoment sowie den Vorgaben des Netzbetreibers ab. Bei größeren Schraubenkompressoren ab etwa 22 bis 30 kW sieht man heute häufig direkt einen Frequenzumrichter.

Lesezeit ca. 6 Minuten · mit Anlaufstrom-Rechner · Stand November 2026

Die Verfahren auf einen Blick

VerfahrenAnlaufstromAnlaufmomentMechanische Belastung
Direktanlaufca. 6- bis 8-facher Nennstrom100 %hoch
Stern-Dreieckca. 2- bis 3-facher Nennstromca. ein Drittel des Direktanlaufsmittel
Sanftanlauf (Softstarter)einstellbar, meist 2- bis 4-facher Nennstromeinstellbargering
Frequenzumrichterca. 1- bis 1,5-facher Nennstrombis 100 % ab Stillstandsehr gering

Richtwerte. Je nach Motor kann der Strom beim Direktanlauf auch höher liegen. Die genauen Werte stehen in den Herstellerunterlagen.

Welches Verfahren bei welcher Leistung?

MotorleistungTypischer Anlauf
bis 4 kWDirektanlauf
5,5 kWhäufig Direktanlauf, teils Stern-Dreieck
7,5 kWmeist Stern-Dreieck
11 bis 22 kWnahezu immer Stern-Dreieck, sofern kein Frequenzumrichter verbaut ist
ab etwa 22 bis 30 kWStern-Dreieck oder häufig direkt ein Frequenzumrichter

Entscheidend ist nicht allein die Motorleistung, sondern auch:

Viele Technische Anschlussbedingungen der Netzbetreiber lassen Drehstrommotoren bis etwa 5,2 kVA ohne weiteres zu, darüber in der Regel Motoren mit einem Anlaufstrom bis etwa 60 A. Darüber hinaus müssen Maßnahmen mit dem Netzbetreiber abgestimmt werden. Deshalb ist ab 7,5 kW der Stern-Dreieck-Anlauf in der Praxis zum Standard geworden. Die genauen Werte legt der jeweilige Netzbetreiber fest.

So funktionieren die Verfahren

Direktanlauf

Der Motor wird direkt ans Netz geschaltet. Einfach und günstig, es braucht nur ein Schütz und einen Überlastschutz. Der Nachteil ist die hohe Stromspitze beim Einschalten. Das hohe Anlaufmoment kann außerdem Welle und Kupplung belasten.

Stern-Dreieck

Der Motor läuft zuerst in Sternschaltung an. Dabei sinkt der Anlaufstrom auf etwa ein Drittel des Direktanlaufs, das Anlaufmoment ebenfalls. Bei Kompressoren reicht das, weil der Verdichter beim Start entlastet anläuft. Bei etwa 90 bis 95 % der Nenndrehzahl wird auf Dreieck umgeschaltet. Das Verfahren ist günstig und robust und deshalb bei Kompressoren besonders beliebt. Voraussetzung ist ein Motor, der für die Netzspannung in Dreieckschaltung ausgelegt ist.

Es gibt aber immer einen kritischen Moment: Das Sternschütz fällt ab, der Motor ist kurz stromlos, dann zieht das Dreieckschütz an. Dabei entsteht häufig ein Strom- und Drehmomentstoß. Wird zu früh umgeschaltet, ist er so hoch wie beim Direktanlauf. Dieser Umschaltstoß ist eine klassische Ursache für Schützverschleiß, Netzstörungen und mechanische Schläge im Antriebsstrang.

Sanftanlauf (Softstarter)

Ein Softstarter ist ein elektronisches Anlaufgerät. Im Inneren sitzen Thyristoren, die die Motorspannung beim Hochlauf stufenlos erhöhen, zum Beispiel von 30 auf 100 %, statt den Motor schlagartig ans Netz zu legen. Dadurch sinkt der Einschaltstrom, Spannungseinbrüche im Netz werden kleiner, und Riemen, Kupplungen und Lager laufen sanfter an. Einen Umschaltstoß wie beim Stern-Dreieck gibt es nicht. Ein Softstarter kann sanft starten, sanft stoppen und den Strom begrenzen. Er kann aber nicht die Drehzahl und damit nicht die Liefermenge des Kompressors regeln, der Motor läuft danach mit fester Drehzahl. Bei Kompressoren wird ein Softstarter selten eingesetzt und meist nur nachgerüstet, zum Beispiel bei schwachen Netzen, langen Zuleitungen oder Problemen mit der Stern-Dreieck-Umschaltung.

Frequenzumrichter

Der Frequenzumrichter fährt den Motor mit niedriger Frequenz und Spannung sanft hoch. Der Anlaufstrom liegt etwa beim Nennstrom, trotzdem steht das volle Moment schon ab Stillstand zur Verfügung. Der große Vorteil: Er regelt danach auch die Drehzahl und damit die Liefermenge nach dem Bedarf. Deshalb haben größere Schraubenkompressoren heute oft direkt einen Frequenzumrichter statt Stern-Dreieck. Mehr dazu bei den drehzahlgeregelten Kompressoren.

Was passiert, wenn es falsch gemacht wird?

Typischer FehlerFolge
Direktanlauf bei zu großer LeistungHohe Stromspitze, Spannungseinbrüche im Netz, Sicherungen lösen aus, Ärger mit dem Netzbetreiber.
Stern-Dreieck schaltet zu früh umStrom- und Drehmomentstoß fast wie beim Direktanlauf.
Zu viele Starts pro StundeMotor und Schütze werden überlastet. Die zulässige Zahl steht in den Herstellerunterlagen.
Absicherung ohne Blick auf das AnlaufverfahrenSicherungen lösen beim Anlauf aus, oder sie sind unnötig groß.
Softstarter als Ersatz für eine Drehzahlregelung gesehenEr regelt die Liefermenge nicht. Energie wird damit nicht gespart.

So rechnest du: Wie hoch ist der Anlaufstrom?

Beispiel: Kompressor mit 15 kW und rund 29 A NennstromDirektanlauf: 6 bis 8 × 29 A = rund 175 bis 230 A. Stern-Dreieck: 2 bis 3 × 29 A = rund 60 bis 85 A. Softstarter: einstellbar, meist rund 60 bis 115 A. Frequenzumrichter: rund 30 bis 45 A. Schon der Direktanlauf eines 15-kW-Motors liegt also weit über den 60 A, die viele Netzbetreiber ohne Abstimmung zulassen.
Direktanlauf–
Stern-Dreieck–
Softstarter–
Frequenzumrichter–

Richtwerte aus den typischen Faktoren der Tabelle oben. Die tatsächlichen Werte hängen von Motor, Kompressor und Einstellung ab und stehen in den Herstellerunterlagen.

Worauf du außerdem achten solltest

Elektrische Installation

Absicherung, Kabel und Hauptschalter.

→ Elektrische Installation

Drehzahlregelung

Was der Frequenzumrichter außer dem Anlauf noch bringt.

→ Drehzahlgeregelte Kompressoren

Regelungsarten

Warum häufige Starts dem Motor schaden.

→ Regelungsarten

Motorwirkungsgrad

IE-Klassen und was sie im Jahr bringen.

→ IE-Klassen

Praxistipp

Aus der Praxis des Sachverständigen

Gibt es bei Stern-Dreieck-Anläufen Probleme, zum Beispiel ausgelöste Sicherungen, flackerndes Licht oder schnell verschlissene Schütze, lohnt ein Blick auf die Umschaltzeit. Und bevor ein Softstarter nachgerüstet wird, prüfen, ob beim nächsten Kompressortausch nicht gleich ein drehzahlgeregelter Kompressor sinnvoller ist. Der startet sanft und spart zusätzlich Energie.

Häufige Fragen

Ab welcher Leistung braucht ein Kompressor Stern-Dreieck-Anlauf?

Bei industriellen Druckluftanlagen üblicherweise ab etwa 7,5 kW. Bis etwa 5,5 kW wird häufig direkt angelaufen. Entscheidend sind aber auch die Vorgaben des Netzbetreibers und die Netzverhältnisse am Standort.

Was ist ein Softstarter?

Ein elektronisches Anlaufgerät, das die Motorspannung beim Hochlauf stufenlos erhöht. Es senkt den Anlaufstrom und vermeidet den Umschaltstoß des Stern-Dreiecks, kann aber die Drehzahl nicht regeln.

Wie hoch ist der Anlaufstrom beim Stern-Dreieck?

Etwa ein Drittel des Direktanlaufs, also ungefähr das 2- bis 3-fache des Nennstroms.

Wie oft darf ein Kompressor pro Stunde starten?

Das legt der Hersteller fest. Die zulässige Zahl der Starts pro Stunde steht in den Herstellerunterlagen.

Roland Rau

Roland Rau, Sachverständiger für Druckluft-Gesamtanlagen inkl. Peripherie (zertifiziert nach DIN EN ISO/IEC 17024), Geschäftsführer der Roland Rau Air-Expert GmbH. Mehr zum Autor

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