Druckluft-FachbuchAus der Praxis für die Praxis Praxiswissen von Roland Rau, Sachverständiger für Druckluft-Gesamtanlagen Inhaltsverzeichnis
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Druckluft-Fachbuch › Kapitel 5: Verteilung & Speicherung › Sicherheitsventile und Armaturen

Kapitel 5 · Thema 5.12

Sicherheitsventile und Armaturen am Druckluftbehälter: Behälterschutz und Anlagenschutz

Jeder Druckluftbehälter hat ein Sicherheitsventil. Viele glauben, damit sei die ganze Anlage geschützt. Das stimmt oft nicht. Das Sicherheitsventil am Behälter schützt in erster Linie den Behälter selbst. Es wird meist als Standardteil mit dem Behälter geliefert, und der Behälterhersteller kann nicht wissen, welche Kompressoren später angeschlossen werden. Ob Rohrleitungen, Armaturen, Messgeräte und Verbraucher geschützt sind, entscheidet sich erst, wenn man weiß, welches Bauteil der Anlage den niedrigsten zulässigen Druck hat. Dieses schwächste Glied bestimmt, wo ein Sicherheitsventil sitzen muss und wie es ausgelegt wird.

Lesezeit ca. 6 Minuten · mit Schwächstes-Glied-Check · Stand Oktober 2026

Zwei Abkürzungen, die du kennen solltest

PS steht hier für den maximal zulässigen Druck eines Druckgeräts in bar. Er steht auf dem Typenschild. Mit PS als Pferdestärke, also einer Leistungsangabe, hat das nichts zu tun. Beispiel: PS 11 bar heißt, der Behälter darf mit höchstens 11 bar betrieben werden.

PN steht für Nenndruck und wird bei Rohren, Formteilen und Armaturen verwendet (DIN EN 1333). PN 16 heißt: Das Bauteil ist für rund 16 bar ausgelegt. Je nach Werkstoff und Temperatur kann der tatsächlich zulässige Druck niedriger sein, bei Kunststoff zum Beispiel bei höheren Temperaturen. Den genauen Wert nennt das Datenblatt.

Das Wichtigste auf einen Blick

PunktWas giltWarum?
Ansprechdruckhöchstens der maximal zulässige Druck PS des BehältersDer Druck darf im Betrieb PS nicht überschreiten.
Beim Abblasenhöchstens 10 % über PSMehr erlaubt die Druckgeräterichtlinie auch kurzzeitig nicht. Beispiel: 11-bar-Behälter, das Ventil öffnet bei 11 bar und ist spätestens bei 12,1 bar ganz offen.
Einbau am Behälterdirekt im Behälter, keine Absperrarmatur davorEin Ventil, das abgesperrt werden kann, schützt nicht zuverlässig. Auch nicht, um es im Betrieb tauschen zu können.
Anlagenschutzeigenes Sicherheitsventil in der Rohrleitung, wenn nötigDas Ventil am Behälter schützt meist nur den Behälter. Wird er abgesperrt, ist der Rest der Anlage ohne Schutz.
Auslegungnach dem schwächsten Glied der AnlageDas Bauteil mit dem niedrigsten zulässigen Druck bestimmt Einstellung und Lage des Ventils.
Prüfungdurch einen Druckluft-Service-Techniker, immer dokumentiertIm Schadensfall muss nachweisbar sein, dass das Ventil geprüft war.

Behälterschutz ist nicht Anlagenschutz

Das Sicherheitsventil, das mit einem Behälter geliefert wird, zum Beispiel an einem stehenden oder liegenden 1.000-Liter-Behälter, ist für den Behälter ausgelegt. Es soll vor allem verhindern, dass der Behälter platzt, wenn er vom Netz abgesperrt ist und sich der Druck darin erhöht, etwa weil er sich erwärmt. Der Hersteller schützt in erster Linie seinen Behälter.

Für den Schutz der Anlage, also Rohrleitungen, Armaturen und Verbraucher, braucht es oft ein eigenes Sicherheitsventil in der Rohrleitung. Zwei Beispiele zeigen den Unterschied:

SituationFolge
Kompressoren schaffen 13 bar, die Rohrleitung ist nur für PN 10 ausgelegtIn die Rohrleitung muss ein Sicherheitsventil, eingestellt höchstens auf 10 bar, das die gesamte erzeugte Luftmenge abblasen kann.
Kompressoren schaffen 13 bar, Rohrleitung und Behälter sind PN 16Oft reicht das Ventil am Behälter. Die Kompressoren haben eigene eingebaute Sicherheitsventile, die schon abblasen, bevor 16 bar erreicht sind.

Erst die Übersicht, dann das Ventil

Wichtig ist also nicht nur das Sicherheitsventil selbst, sondern die Auslegung aller Bauteile: Rohrleitungen, eingebaute Armaturen, Messgeräte, Verbraucher, Behälter, alles, was dazugehört. Bei Rohrleitungen gibt der Nenndruck PN nach DIN EN 1333 an, wofür sie ausgelegt sind. In vielen Werken sind über die Jahre verschiedene Rohrsysteme verbaut worden. Diese müssen genau erfasst werden. Erst wenn diese Übersicht steht und klar ist, welches Bauteil den niedrigsten zulässigen Druck hat, lässt sich ein Sicherheitsventil zuverlässig auslegen.

Sitzt das Sicherheitsventil in der Sammelleitung, dann unmittelbar vor der Verteilung. So kann es nicht versehentlich über einen Absperrschieber aus dem Luftstrom genommen werden.

Wohin abblasen?

Durch das Abblasen selbst darf keine Gefährdung entstehen. Die Abblaseöffnung oder -leitung darf nicht auf Personen gerichtet sein und nicht in Kopfhöhe liegen. Das Abblasen ist sehr laut, deshalb nicht dort, wo sich ständig Personen aufhalten. Bei großen Anlagen kann es sinnvoll sein, die Leitung ins Freie zu führen, auch dort über Kopfhöhe. Die genaue Lage muss für jede Anlage einzeln geklärt werden.

Die Armaturen am Behälter

ArmaturAufgabe
SicherheitsventilSchützt den Behälter vor zu hohem Druck. Vorgeschrieben.
ManometerZeigt den Druck im Behälter an.
PrüfanschlussHier wird bei der Prüfung ein Prüfmanometer angeschlossen.
AbsperrhahnTrennt den Behälter vom Netz oder vom Kompressor.
KondensatablassIm Behälter fällt Kondensat aus, es muss abgeleitet werden.
BesichtigungsöffnungFür die innere Prüfung und zum Reinigen. Als Muffe, Hand- oder Mannloch ausgeführt.

Was passiert, wenn es falsch gemacht wird?

Typischer FehlerFolge
Nur das Ventil am Behälter, Rohrleitung für weniger Druck ausgelegt als die Kompressoren liefernWird der Behälter abgesperrt, sind Rohrleitungen und Verbraucher ungeschützt.
Absperrarmatur vor dem SicherheitsventilWird sie geschlossen, ist das Ventil wirkungslos.
Sicherheitsventil in der Sammelleitung hinter einem AbsperrschieberEs kann versehentlich aus dem Luftstrom genommen werden.
Station erweitert, Sicherheitsventil nicht angepasstDas Ventil kann die neue Gesamtliefermenge nicht mehr abblasen, der Druck steigt weiter.
Ventil zu hoch eingestelltDer Behälter wird über seinen zulässigen Druck belastet.
Ventil festsitzend, verklebt oder korrodiert, nie geprüftIm Ernstfall öffnet es nicht. Ohne Dokumentation ist im Schadensfall nichts nachweisbar.
Abblaseöffnung in Kopfhöhe oder auf Personen gerichtetVerletzungsgefahr und Gehörschäden durch den Abblaselärm.
Verschiedene Rohrsysteme im Werk nicht erfasstDas schwächste Glied ist unbekannt, das Ventil sitzt an der falschen Stelle oder ist falsch eingestellt.

So prüfst du: Wo ist das schwächste Glied?

Beispiel: Kompressoren mit 13 bar, gesamte Liefermenge 20 m³/minBehälter, Sammelleitung und Armaturen sind PN 16, die Rohrleitung in Halle 2 ist PN 10. Die eingebauten Sicherheitsventile der Kompressoren blasen bei 13,1 bar ab. Das schwächste Glied ist die Rohrleitung in Halle 2 mit 10 bar. Die Kompressoren schützen sie nicht. Es braucht ein Sicherheitsventil vor diesem Bereich, eingestellt höchstens auf 10 bar, das 20 m³/min abblasen kann. Im Betrieb muss der Druck in diesem Bereich unter 10 bar bleiben, sonst bläst das Ventil ständig ab.

Schwächstes-Glied-Check

Bauteile mit zulässigem Druck

Bauteilzulässiger Druck (bar, PS oder PN)
Schwächstes Glied–
Durch Kompressoren abgesichert?–
Sicherheitsventil nötig–

Erstellt von / am: ______________________________

Orientierung, Stand Oktober 2026. Ersetzt nicht die Auslegung durch eine fachkundige Person. Quelle: compressedair.network

Worauf du außerdem achten solltest

Gefährdungsbeurteilung

Sicherheitsventil und Prüfungen gehören in die Gefährdungsbeurteilung.

→ Gefährdungsbeurteilung

Prüfpflichten

Wer den Behälter wann prüft.

→ Prüfpflichten und Fristen

Rohrmaterialien

Welche Rohrsysteme es gibt und wofür sie ausgelegt sind.

→ Rohrmaterialien

Rohrnetz verlegen

Wie Behälter und Verteilung eingebunden werden.

→ Rohrnetz verlegen

Praxistipp

Aus der Praxis des Sachverständigen

Bau die Anlage von Anfang an sicher auf. Ist sie erst einmal zehn Jahre in Betrieb, schaut in der Praxis kaum noch jemand nach, was zulässig ist und wie sie einmal ausgelegt wurde. Leg deshalb gleich beim Bau eine Liste aller Bauteile mit ihrem zulässigen Druck an, und lass das Sicherheitsventil bei jeder Prüfung und nach jeder Erweiterung dokumentiert prüfen.

Häufige Fragen

Auf welchen Druck wird das Sicherheitsventil am Druckluftbehälter eingestellt?

Höchstens auf den zulässigen Druck PS des Behälters. Beim Abblasen darf der Druck höchstens 10 % darüber steigen. Bei einem 11-bar-Behälter öffnet das Ventil also bei 11 bar und ist spätestens bei 12,1 bar ganz offen.

Schützt das Sicherheitsventil am Behälter die ganze Anlage?

Meist nicht. Es schützt in erster Linie den Behälter. Sind Rohrleitungen oder Verbraucher für weniger Druck ausgelegt, als die Kompressoren liefern können, braucht es ein eigenes Sicherheitsventil in der Rohrleitung, das die gesamte erzeugte Luftmenge abblasen kann.

Darf vor dem Sicherheitsventil ein Absperrhahn sitzen?

Aus unserer Sicht nein. Das Sicherheitsventil gehört direkt in den Behälter, ohne Absperrarmatur davor. Ein Ventil, das abgesperrt werden kann, schützt nicht zuverlässig.

Wer prüft das Sicherheitsventil?

Ein Druckluft-Service-Techniker, mindestens einmal im Jahr. Die Prüfung sollte immer dokumentiert werden, damit im Schadensfall alles nachweisbar ist.

Roland Rau

Roland Rau, Sachverständiger für Druckluft-Gesamtanlagen inkl. Peripherie (zertifiziert nach DIN EN ISO/IEC 17024), Geschäftsführer der Roland Rau Air-Expert GmbH. Mehr zum Autor

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