Druckluft-FachbuchAus der Praxis für die Praxis Praxiswissen von Roland Rau, Sachverständiger für Druckluft-Gesamtanlagen Inhaltsverzeichnis
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Druckluft-Fachbuch › Kapitel 4: Aufbereitung & Druckluftqualität › Öl in der Druckluft

Kapitel 4 · Thema 4.9

Öl in der Druckluft: Quellen, Restöl, Öldampf und warum es oft erst nach Jahren auffällt

„Die Anlage läuft seit 20 Jahren, und plötzlich haben wir Öl in der Druckluft.“ Diesen Satz hört man oft, und er stimmt fast nie. Das Öl war schon immer da, nur so wenig, dass es nicht aufgefallen ist. Öl kommt in drei Formen vor: als Tröpfchen, als feinster Nebel (Aerosol) und als Dampf. Filter und Trockner holen die Tröpfchen gut heraus. Dampf und Aerosole gehen durch und sammeln sich über Jahre im Netz.

Lesezeit ca. 6 Minuten · mit Ölmengen-Rechner · Stand Oktober 2026

Die Richtwerte auf einen Blick

PunktRichtwertWarum?
Restöl öleingespritzter Kompressor laut Herstellernunter 3 mg/m³ bei 20 °CGilt nur, wenn die Druckluft nie wärmer als 20 °C gewesen wäre. Beim Verdichten wird sie aber über 100 °C heiß.
Restöl bei 40 °Cvielleicht 5 bis 7 mg/m³Wärmere Luft enthält mehr Öldampf. Genaue Angaben gibt es dazu nicht.
Temperatur am Filter20 → 30 °C: etwa 5-fache ÖlmengeBei höherer Temperatur verdampft mehr Öl und geht durch den Filter.
Koaleszenzfilternur TröpfchenÖldampf und Aerosole kann er nicht entfernen, auch wenn „0,01 mg/m³“ im Datenblatt steht.
Öldampf ohne Aufbereitungca. 0,1–1 mg/m³Diese Menge geht ungehindert durch Filter und Trockner.
Aktivkohlebis ca. 0,005 mg/m³Sie bindet Öldampf, aber nur, solange die Luft kühl genug ist.
Aktivkohle und Temperatur30 °C gut, 50 °C kritisch, 60 °C fast wirkungslosDie Aufnahmefähigkeit fällt mit steigender Temperatur. Noch heißer gibt sie Öl sogar wieder ab.

Woher kommt das Öl?

Warum Filter das Problem nicht allein lösen

Ein typischer Aufbau: Die Druckluft kommt aus dem Kompressor, geht durch einen Vorfilter (Koaleszenzfilter) mit „0,1 mg/m³“ laut Datenblatt, dann durch einen Kältetrockner und danach noch durch einen Feinfilter mit ebenfalls „0,01 mg/m³“. Und trotzdem tropft beim Kunden irgendwann Öl aus der Leitung. Der Grund: Ein Koaleszenzfilter holt nur Öltröpfchen heraus, keinen Dampf und keine Aerosole.

Das Erstaunliche

Selbst die Abkühlung im Kältetrockner lässt den Öldampf nicht schnell kondensieren. Er strömt ungehindert durch den Trockner, passiert auch den nachgeschalteten Filter und kondensiert erst irgendwann in der Rohrleitung.

Was passiert, wenn Öl ins Netz gelangt?

Das Öl reichert sich nicht in einem Jahr an, sondern über 10 bis 20 Jahre. Es kondensiert in der Leitung aus und sammelt sich in Senken. Irgendwann reißt die Druckluft eine solche Ansammlung mit, und das Öl kommt am Verbraucher an. Dann ist die Verwunderung groß, obwohl das Öl schon immer da war.

Dann ist es zu spät. Wenn die Verbraucher kein Öl in der Luft akzeptieren können, zum Beispiel in Lebensmittel- oder Pharmaproduktion oder bei Messinstrumenten, bekommt man ein veröltes Netz nicht mehr sauber. Es bleibt nur, teuer an jeder einzelnen Entnahmestelle aufzubereiten oder die komplette Verrohrung neu zu bauen. Deshalb gehört die Ölfrage an den Anfang jeder Planung.

So rechnest du: Wie viel Öl gibt der Kompressor an die Druckluft ab?

Der Rechner zeigt, wie viel Öl mit der Druckluft aus dem Kompressor kommt, pro Jahr und über die Lebensdauer der Anlage. Den größten Teil der Tröpfchen holen Filter und Trockner heraus. Was als Dampf und Aerosol hindurchgeht, sammelt sich im Netz.

Öl pro Jahr = Volumenstrom × Restölgehalt × BetriebsstundenBeispiel: 10 m³/min × 3 mg/m³ × 4.000 h = rund 7,2 kg Öl pro Jahr, über 15 Jahre über 100 kg.
Öl pro Jahr–
Öl über die Betriebsjahre–
entspricht etwa–

3 mg/m³ ist die übliche Herstellerangabe bei 20 °C. Bei wärmerer Druckluft ist der Wert höher, bei 40 °C vielleicht 5 bis 7 mg/m³. Volumen in Liter mit einer Öldichte von 0,87 kg/l.

Worauf du außerdem achten solltest

Aktivkohle richtig einsetzen

Vor der Aktivkohle gehört ein Koaleszenzfilter, und die Luft muss kühl genug sein.

→ Druckluftfilter

Ölklassen nach ISO 8573-1

Was „ölfrei“ technisch bedeutet und wie Öl gemessen wird.

→ Druckluftqualität nach ISO 8573-1

Kühle Druckluft hilft

Je kühler die Luft an Filter und Aktivkohle, desto weniger Öldampf geht durch.

→ Ansauglufttemperatur

Öl im Kondensat

Das Öl, das abgeschieden wird, landet im Kondensat und muss aufbereitet werden.

→ Öl-Wasser-Trenner

Praxistipp

Aus der Praxis des Sachverständigen

Wenn deine Verbraucher kein Öl vertragen, plane die Aktivkohle von Anfang an ein und sorge für kühle Druckluft davor. Wer erst reagiert, wenn Öl aus der Leitung kommt, hat ein Netz, das sich nicht mehr reinigen lässt.

Häufige Fragen

Warum kommt Öl aus der Druckluftleitung, obwohl Filter eingebaut sind?

Weil Koaleszenzfilter nur Öltröpfchen zurückhalten. Öldampf und Aerosole gehen durch Filter und Kältetrockner, kondensieren in der Leitung und sammeln sich über Jahre in Senken, bis die Druckluft sie mitreißt.

Wie viel Restöl enthält Druckluft aus einem öleingespritzten Kompressor?

Hersteller nennen meist unter 3 mg/m³ bei 20 °C. Weil die Luft beim Verdichten aber sehr heiß wird und Öldampf entsteht, liegt der Wert bei wärmerer Druckluft höher, bei 40 °C vielleicht bei 5 bis 7 mg/m³.

Wie entfernt man Öldampf aus der Druckluft?

Mit Aktivkohle, die den Öldampf bindet, bis auf etwa 0,005 mg/m³. Davor gehört ein Koaleszenzfilter, und die Luft muss kühl sein: Bei 50 °C sinkt die Standzeit drastisch, bei 60 °C nimmt die Aktivkohle fast nichts mehr auf.

Kann man ein veröltes Druckluftnetz reinigen?

In der Regel nicht zuverlässig. Wenn die Verbraucher kein Öl akzeptieren, bleibt nur eine Aufbereitung an jeder Entnahmestelle oder eine neue Verrohrung.

Roland Rau

Roland Rau, Sachverständiger für Druckluft-Gesamtanlagen inkl. Peripherie (zertifiziert nach DIN EN ISO/IEC 17024), Geschäftsführer der Roland Rau Air-Expert GmbH. Mehr zum Autor

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